Von 0 auf 100 – Wenn Start-ups erwachsen werden

Start-ups – das klingt nach einer anderen Kultur, nach mehr Freiheit und Spaß. Alle duzen sich, sind unter 30 und stellen gemeinsam ein Business auf die Beine. Es ist kein Geld da, aber viel Enthusiasmus und Mut zum Risiko.

So ähnlich sah es zu Beginn auch beim Senkrechtstarter YFood aus München aus. Doch nach dem Auftritt der Gründer Benjamin Kremer und Noël Bollmann im November 2018 in der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“, bei der sich Frank Thelen mit 200.000 Euro 20 Prozent des jungen Unternehmens sicherte, änderte sich alles. Die Flüssigmahlzeit traf auf zwei Trends: Menschen, die sich oft nicht genug Zeit für Mahlzeiten nehmen wollen oder können und den Wunsch nach gesunder Ernährung und entwickelte sich schnell zum Kultgetränk.

Smart Food statt Fast Food

Das ist die Idee, die hinter YFood steckt und mit der sie die Löwen begeistert haben. Die Gründer haben den eigenen Fast-Food-Konsum zum Anlass genommen, eine gesunde Alternative zu entwickeln. Beide arbeiteten in der Finanzindustrie. „Das war stressig. Wir waren oft bis spätabends im Büro und irgendwann lockte der Snackautomat oder ein Fast-Food-Restaurant auf dem Heimweg“, erzählt Kremer. „Nach einigen Monaten begann unsere Gesundheit zu leiden und wir beschlossen damals, dass es so nicht weitergehen konnte. Wir wollten uns nicht damit abfinden, dass schnelles Essen immer ungesund sein muss.“

Die Gründer stellten verschiedene Überlegungen an und konkretisierten die ersten Anforderungen an ihr Produkt: Es sollte eine Mahlzeit in Getränkeform sein, ausgewogen, vollwertig, gesund, und es sollte gut schmecken. Ziemlich schnell wurde klar, dass das Projekt ihre gesamte Zeit beanspruchen würde. Kremer und Bollmann kündigten ihre Jobs in der Finanzindustrie und widmeten sich „YFood“, wie sie ihr Getränk nannten, in Vollzeit. Bald stellten die beiden fest, dass sie es alleine nicht schaffen würden. Deshalb holten sie sich renommierte Lebensmitteltechnologen dazu. Die Entwicklung eines Prototyps mit einem perfekten Nährwertprofil nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen dauerte fast ein halbes Jahr. Über das Netzwerk der Lebensmitteltechnologen fanden sie schließlich auch einen kompetenten Hersteller in Österreich, der die Serienproduktion des Getränks bewerkstelligen konnte.

4,2 Millionen Euro eingesammelt

Heute, nur zwei Jahre nach dem Market Release von YFood, liegt der Umsatz voraussichtlich bei zehn bis 15 Millionen Euro. Verkauft wird Online in 26 europäischen Ländern und in der DACH-Region zusätzlich im Einzelhandel. Am Hauptsitz in München sind es mittlerweile 35 Mitarbeiter und es gibt ein Büro in New York. Schließlich möchte man gerne weiter internationalisieren. Im Juni hat das Start-up 4,2 Millionen Euro Risikokapital eingesammelt, unter anderem von Five Seasons Ventures, einem VC-Fonds, der gezielt in junge europäische Lebensmittel-Start-ups investiert. Laut Frank Thelen ist YFood das am schnellsten wachsende Start-up der DHDL-Geschichte.

Auch Start-ups brauchen eine Transformation

Schnell skalieren und wachsen ist sozusagen der Lebenszweck eines Start-ups. Gleichzeitig zwingt der Erfolg (und die Investoren) dazu, zu liefern und zwar schnell, pünktlich und in bester Qualität. Die gesamte Wertschöpfung, alle Prozesse und Strukturen mussten überdacht werden, um möglichst schnell skalieren zu können. „Für uns kommt es darauf an, effiziente Prozesse und Strukturen zu schaffen, ohne an Geschwindigkeit zu verlieren oder uns selbst zu blockieren“, sagt Kremer. „Wir müssen vom Start-up zum Unternehmen werden, ohne unsere Agilität einzubüßen.“

Viele Gründer unterschätzen, dass es nicht nur um Logistik- und Produktionsprozesse geht, sondern ebenso um Strategie, Verwaltungsprozesse, um HR, Compliance, Recht und vieles mehr geht. Dafür sind Fachwissen und Erfahrung ebenso nötig wie für Verhandlungen, Vertragsschließungen etc.

Die Transformation der Organisation von einem Start-up in ein junges Unternehmen ist eine Gratwanderung, weil sich Führungsverständnis sowie Aufgaben- und Verantwortungsbereiche ändern müssen.  Je mehr Mitarbeiter hinzukommen, desto heftiger stoßen die bisherigen informellen Organisations- und Führungsstrukturen an ihre Grenzen, zumal oft ohne Plan und willkürlich eingestellt wird. Die  Gründer selbst scheitern oft daran, dass sie keine oder wenig Führungskompetenz und noch weniger Erfahrung haben. Doch mit 100 Mitarbeitern kann man nicht arbeiten wie mit zehn oder 20. Jeder muss wissen, worum es geht und was er zum Erfolg des Unternehmens beitragen kann. Die Gründer brauchen Entlastung und müssen Aufgaben delegieren – wie immer sie es nennen: Sie brauchen Führungskräfte. Und auch der Zusammenhalt und der Gründergeist müssen jetzt bewusst gefördert werden. Für diejenigen, die von Anfang an dabei waren, ist die Veränderung am größten und wenn nicht aufgepasst wird, verliert das Unternehmen hier schnell Know-how. Kommunikation und Wissenstransfer zwischen neuen und alten Mitarbeitern sind essentiell.

Erfahrene Manager, die auf Augenhöhe mit den Gründern arbeiten, können die Transformation vom Start-up zum jungen, professionell geführten Unternehmen begleiten und erleichtern. Das Unternehmen und seine neu aufgebaute Führungsmannschaft lernen Herangehensweisen und Managementmethoden kennen, profitieren von der Erfahrung der Manager und können an Reife gewinnen. Auch Amazon und Co. mussten für sich Strukturen schaffen.

Jun 18, 2019
Sascha Hackstein
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